Wilde Alpen

von Elisa Klein

Hier bei uns im Norden ist es schwierig Wildwasser zu finden, von Brandungswellen einmal abgesehen. Das nächste ist die Bischhofsmühle in Hildesheim, ein kleiner künstlicher Kanal mit vier Stufen. Die Oker ist der nächste natürliche Fluss, den man befahren kann. Obwohl „natürlich“ nun auch nicht ganz stimmt, denn das Wasser fließt nur dann, wenn das Kraftwerk Strom produziert, und dass ist immer dann, wenn viel Strom benötigt wird... morgens früh und abends spät.

Wer also „richtig“ Wildwasser fahren will, muss weiter in den Süden fahren. Seit einigen Jahren fahren Lennard und ich schon mit Christine und Martin aus Neumünster im Sommer für einige Wochen in den Wildwasser Urlaub. Die drei kennen sich auf den Flüssen der Alpen schon recht gut aus, besonders in Österreich. Dieses Jahr wollten wir etwas neues wagen und Italien erkunden.

 

Christine und Martin mussten als Berufstätige ihren Urlaub schon länger planen, weshalb sie schon mal zur DKV Jugendwildwasserwoche nach Lienz fuhren, während Lennard noch an unserem „neuen“ T4 herumbastelte. Die DKV Jugendwildwasserwoche ist ein größeres Event mit 50 und mehr Teilnehmern, deren Leistungsniveau von „In einem Boot ohne Steuerung geradeaus paddeln“ bis „von klein auf im Wildwasser Boot sitzen“ reicht. Die Teilnehmer werden in kleine Gruppen von 5 Personen aufgeteilt und von kompetenten Übungsleitern betreut. Man lernt nicht nur etwas über Paddeltechnik und Strömung, sondern auch, wie man rettet und gerettet wird, wenn man im Wildwasser schwimmt. Zwei besonders wichtige Fähigkeiten, denn wer sich als Schwimmer falsch verhält kann sich und seine Retter in unnötige Gefahr bringen.

 

In der Zwischenzeit baute Lennard „noch schnell“ unser VW T4 zusammen. Als der Motor lief, zimmerten wir noch schnell ein Bett zurecht, packten unsere Sachen ein und fuhren über Nacht los in den Süden. Die ersten tausend Kilometer war Lennard noch sehr nervös, weil er auch den Zahnriemen selbst gewechselt hatte und wenn man dabei Fehler macht, bekommt man das in der Regel innerhalb der ersten tausend Kilometer zu spüren. Morgens gegen 9 Uhr kamen wir in Rosenheim bei Blue and White an, wo mein nagelneuer WaveSport Diesel 70 lag, mein erstes eigenes Boot. Der wurde kurz bewundert, auf das Dach geschnallt und schon ging es weiter nach Italien, an die Ahr bei Sand in Taufers, wo wir Christine und Martin trafen. Obwohl es schon 16 Uhr war, gingen wir noch auf den Fluss und fuhren zwei leichtere Abschnitte (WW2-3) für mich und Lennard zum einfahren.

 

Am nächsten Tag ging es auf den Eisack, ein schnell fließender Fluss, mit einigen teilweise befahrbaren Wehren und zunehmenden Schwierigkeiten. Hier hatte ich dann direkt meinen ersten Schwimmer. Bei einer solchen Situation müssen die Aufgaben schnell aufgeteilt werden. Der Schwimmer sieht zu, dass er sich selbst rettet, wenn es passt, vielleicht das Paddel. Kann er nicht selbst ans Ufer kommen, muss einer der Mitfahrer ihn ans Ufer bringen, indem der Schwimmer sich hinten am Boot festhält. Die anderen beiden bergen so schnell wie möglich das Material, bevor es zu weit abtreibt. Dabei kommt es häufig vor, dass Material und Schwimmer an gegenüberliegenden Ufern an Land kommen. So auch in meinem Fall. Zunächst versuchten Christine und Martin mir einen Wurfsack zu zu werfen, damit wir das Boot zu mir herüber ziehen konnten, denn die Strömung war zu stark, das Lennard (der ein sehr kleines Boot hat) mich hätte auf die andere Seite bringen können. Allerdings war der Fluss an dieser Stelle etwas zu breit, so dass ich an das Seil genau nicht heran kam. Also packten wir Lennards Wurfsack aus, ich nahm das eine Ende des Seils, Lennard das andere und brachte es zu den anderen herüber. Sie befestigten Boot und Paddel mit Karabinern und schoben das Paket in die Strömung. Ich zog so schnell wie möglich das Seil ein, bis es in die Hauptströmung kam und voll Wasser lief. Da war an ziehen nicht mehr zu denken, nur noch an gerade so festhalten. Als ich dann völlig verunsichert wieder ins Boot stieg, kennterte ich keine 100m weiter gleich wieder, dachte diesmal glücklicherweise aber ans Rollen.

 

Im überfüllten Val du Sol, teilten wir uns einen Tag die Noce mit Rafts und anderen Paddlern, bevor ein Dauerregen uns zur Weiterfahrt überredete.

 

Die nächsten Tage verbrachten wir im Aostatal, wo wir den Rutor, einen schnell fließenden „Wildwasserkleinfluss“ mit eiskaltem klarem Wasser, und verschiedene Abschnitte der Dora Baltea, ein wuchtiger brauner Gletscherfluss und der Hauptfluss des Aostatals, befuhren. Alle Abschnitte hatten Schwierigkeiten von 3 bis 4 evtl 5 und keiner von uns war sie bisher gefahren. Deshalb lasen wir vorher alle verfügbaren Streckenbeschreibungen (DKV-Auslandsführer aka. „Das Lügenbuch“, 4paddler.de etc.) und sahen so viel wie möglich von der Straße aus ein. Trotzdem war es besonders für mich als schwächste in der Gruppe immer ein Abenteuer.

 

Über einen Pass ging es dann weiter nach Bourg St. Mourice, wo die Isère fließt. Mir wurde auf der Fahrt allerding schlecht , was ich anfangs auf die vielen Serpentinen schob, bis ich merkte, dass es sich um was länger andauerndes handelt. Ich fiel also einige Tage aus, während die anderen die Isère befuhren. Am dritten Tag wagte ich mich mit auf die Slalomstrecke und anschließend eine steile Rampe hinunter, wo wir eine Foto Session starteten.

 

Dann fuhren wir weiter in die Schweiz. Auf dem Pass am Rhone Gletscher übernachteten wir wild mit unseren beiden Bussen bei herrlicher Aussicht. Allerdings nahte schon Unheil, denn dem T4 fehlte es erheblich an Leistung, als wir die Passstraßen hinaufkrochen. Drüben angekommen befuhren wir die Kalkschlucht des Vorderrheins, ein wirklich schöner Klassiker und die Scoulstrecke des Inns. Beide Flüsse führen hier schon relativ viel Wasser und sind landschaftlich wie wildwassertechnisch sehr schön, auch wenn mich der Inn endgültig an meine Grenzen gebracht hat. Nach einem wuchtigen „S“ ziemlich zu Anfang schwamm ich kurz und war wegen des kalten Flusses, des mäßigen Wetters und meiner während des Urlaubs kaputt gegangenen Jacke sofort durchgefroren. Trotzdem fand ich diese Strecke mit am schönsten. Auch den anderen ging es kaum besser, Christine und Martin beschlossen für sehr teures Geld in die Therme zu gehen, während Lennard und ich uns ums Auto kümmern wollten, das mittlerweile ausging, wenn man bei wenig Umdrehung die Kupplung trat.

 

Leider sprang es einfach nicht mehr an, egal, wie gut wir ihm zuredeten. In Vorahnung hatten wir vor Antritt des Urlaubs eine ADAC- plus Mitgliedschaft abgeschlossen. Da riefen wir nun an, wobei bei 1,49 € pro Minute ein Guthaben von 10 Euro schnell weg ist, besonders, wenn so viele Fragen gestellt werden. Ein, zwei Stunden später wurden wir von einem einheimischen ADAC Partner abgeschleppt und in die nächste VW Werkstatt gebracht, wo wir dann sogar alle über Nacht mit den Bussen stehen bleiben durften. Am nächsten Morgen schauten sich die Mechaniker das Auto an und teilten uns mit, dass wir unser Auto abholen lassen müssten. Zu allem Überfluss hatte Lennard jetzt die gleichen gesundheitlichen Probleme, die ich eine Woche vorher hatte. Für uns war der Urlaub also einige Tage früher vorbei. Wir durften auf Kosten des ADACs mit der 1. Klasse in der Bahn zurück fahren, was für uns ein etwas skuriles Erlebnis war und der Bus wurde eine Woche später zurück gebracht.

 

Trotz des ungeplanten Endes, war es ein sehr schöner Urlaub und die nächste Tour ist schon in Planung. Über Ostern soll es mal wieder eine anfängertaugliche Wildwassertour geben, in ein schönes Gebiet, wo zu der Zeit Wasserstände und Wetter passen. Mögliche Ziele sind die Soca in Slowenien,die Adèche oder die Durance in Frankreich. Wer Interesse oder Fragen hat, einfach bei Lennard melden.

 

Zurück